Offener Brief

Ein Bericht, den das Bayerische Fernsehen in seiner Sendung »Report« vom 2. Dezember 2014 ausgestrahlt hat, sorgt für viele Diskussionen in der gesamten Physiotherapeuten-Landschaft.

Wir halten kritischen Journalismus für wichtig, ebenso ist uns aber an einer fairen Berichterstattung über unser Berufsbild gelegen. Dass die »Report«-Redaktion ein sehr einseitiges Bild zeichnet, das nicht den Tatsachen entspricht, beweisen nicht zuletzt viele aufgebrachte Reaktionen von Physiotherapeuten, die sich in den sozialen Medien zum Bericht äußern.

Für die Philanthropos-Berufsfachschulen rückt Schulleiterin Nicole Frielitz das entstandene Bild zurecht.

Offener Brief der IGBM zum BR-Bericht im »Report München« vom 2.12.2014:

Autoren: Anna Tillack und Fabian Mader »Grauzone Physiotherapie – Das Geschäft mit den Schmerzen« (www.br.de)

Die Interessensgemeinschaft der Bayerischen Massageschullehrer will im folgenden Text eine klare Stellungnahme zu der oben genannten Reportage im Bezug auf die Therapiebranche formulieren, Fakten schaffen und Grauzonen in der Öffentlichkeit klären.

Unklar ist, was den Bayerischen Rundfunk zu dieser Berichterstattung veranlasst hat: Sind im Redaktionsteam subjektive negative Erfahrungen mit dem Heilmittelkatalog gemacht worden? Stellt sich der BR hinter die Gesundheitspolitik und die Lobby der Ärzte? Wird die Pressefreiheit missbraucht, um eine Berufsgruppe durch schlechte Recherche zu denunzieren? Oder ist es einfach Unwissenheit...

Welche Motive auch immer hinter der Reportage stehen, in den folgenden Zeilen stehen die Transparenz dieses Geschäfts und die Richtigstellungen der Fehlbehauptungen der Reportage im Vordergrund.

Beginnend ist festzuhalten, dass den Therapieberufen eine fundierte Ausbildung zu Grunde liegt. Entgegen der Behauptung in der Reportage ist der zusätzlich angebotene Weg über den/die Masseur/in & medizinischen Bademeister/in keineswegs minderwertig, verglichen mit der dreijährigen Berufsfachschulausbildung zum Physiotherapeuten.

Nach zweijähriger Vollzeitausbildung absolviert der/die Masseur/in & medizinische Bademeister/in ein halbjähriges Praktikum im Beruf und bildet sich dann entweder in 1,5 Jahren Vollzeitschule oder in drei Jahren neben der Arbeit zum Physiotherapeuten weiter und ist dabei mit über 300 Unterrichtseinheiten Gewebs- und Faszientechniken in seiner Grundausbildung ein ausgewiesener Spezialist. Die Ausbildungen sind im Berufsgesetz (MPhG 1994) und in der Prüfungsordnung (PhsTh-APrV 1994) seit 20 Jahren in Deutschland eindeutig und bis in jede Unterrichtseinheit staatlich festgelegt.

Die Physiotherapie ist einer der anspruchsvollsten Ausbildungsberufe. Es werden unter anderem große Umfänge an Anatomie, Neurophysiologie und Krankheitslehre in allen Fachbereichen der Medizin unterrichtet. Nicht ohne Grund ist dieser Beruf in den USA und unserem Nachbarland Holland ein universitärer Studiengang, der meist mit einer Promotion endet. In diesen Ländern existiert gleiche Augenhöhe mit den Ärzten und somit Austausch zum Wohle des Patienten im Team. Das Streben der Therapieberufe, diese über neue und ergänzende Hochschulstudiengänge in ähnliche Richtung wie im internationalen Ausland zu entwickeln, wird jedoch hierzulande von den Lobbyisten (Kassenärztliche Vereinigung & gesetzliche Krankenversicherung) boykottiert.

Die klare Abgrenzung des hochqualifizierten Physiotherapeuten zu einem in der Reportage genanntem Wellness- oder Fitnesstrainer mit vierwöchigem Lehrgang muss an dieser Stelle ausdrücklich hervorgehoben werden. Das ist selbst für den Laien verständlich, nur den Autoren offensichtlich nicht klar.

Der Behauptung, der Markt der Physiotherapie würde boomen, kann aufgrund der Gesundheitsreformen und Budgetierung der Ärzteschaft nur vehement widersprochen werden. Ein Praxissterben hat begonnen, die Töpfe unseres Gesundheitssystems sind leer und die Behandlungsmöglichkeiten/Zeiteinheiten werden zum Nachteil der Patienten gekürzt.

Massage und Physiotherapie sind verordnungspflichtige Heilmittel auf ärztliches Rezept und somit komplett seriös. Alle Leistungen werden in der Heilmittelverordnung klar definiert und die Vergütungsvereinbarung gemäß SGB V setzt die Preise der Behandlungen transparent in Absprache mit den Berufsverbänden und Krankenkassen fest (www.kvhb.de).

Ungünstig ist sicherlich, dass die niedergelassenen Therapeuten gezwungen sind, die Behandlungszeit kurz zu halten und Zusatzleistungen anzubieten, um auf dem Markt überleben zu können. Es ist ein großes Problem bei Behandlungseinheiten von 20 Minuten sinnvoll und effektiv zu arbeiten. Schuld daran, zum Leidwesen der Patienten, ist die deutsche Gesundheitspolitik.

Mit Privatpatienten, Zusatzangeboten und speziellen Therapieformen werden nur wenige Therapeuten reich. Genauer betrachtet sind Masseure & medizinische Bademeister nach der Ausbildung zu Beginn ihrer Berufskarriere im unteren Verdienstlevel unterwegs (vgl. TVPöD).

Konkret Bezug nehmend auf die zwei dargestellten Patienten in der Reportage, müssen die Kernkompetenzen der Therapieberufe kurz erklärt werden. Basierend auf einem ganzheitlichen Befundschema mit Sicht- und Tastbefund legt der Therapeut/in die Therapieziele gemeinsam mit dem Patienten fest. Besonders erfolgreiche und zum Teil auch belegte Therapien sind die Weichteiltechniken zur Gewebslösung und Stoffwechselanregung der Struktur, die biomechanischen Gelenkstechniken zur Verbesserung der Funktion und die Schulung der Alltagsaktivitäten im Sinne der Partizipation (s. WHO ICF Modell).

Chronische Schmerzpatienten sind somit definitiv keine Kernkompetenz (Hauptbereich) der Physiotherapie und Massage, sondern sie obliegen den therapeutischen Maßnahmen der Fachärzte und der Schmerztherapeuten!!! Hier liegt der Fehler im System und nicht im Bereich der Physiotherapie!

Warum wurde die Testperson in der Reportage von der Privatpraxis abgelehnt? Eine Privatpraxis hat keine Kassenzulassung und ist nicht in der Lage, dieses Rezept abzurechnen. Das ist vergleichbar mit der Idee, eine Kinokarte für eine Theatervorstellung verwenden zu wollen. Auch hier werden Sie keinen Erfolg haben.....

Engagierte Masseure und Physiotherapeuten bilden sich ein Leben lang weiter. Die Gehälter in den Angestelltenverhältnissen sind niedrig und die Fortbildungen teuer.

Osteopathie (eine außerordentliche Therapiemethode, erlernbar für Ärzte, Heilpraktiker und Physiotherapeuten), in diesem Bericht erwähnt von dem Musiklehrer, soll an dieser Stelle exemplarisch genauer beleuchtet werden:

Die Ausbildung zum Osteopath/-in dauert in der Regel fünf Jahre und kostet zwischen 15 000 und 20 000 Euro. Der Therapeut/-in erwirbt damit quantitative und qualitative Erweiterung seines Therapiespektrums, um Patienten zu heilen. Ein Osteopath/-in ist nachhaltig und ganzheitlich in der Lage, die Statik, die Organe und die Faszien des Patienten positiv zu beeinflussen. Dazu gibt es beispielsweise aussagekräftige Studien zur parietalen Osteopathie (»Spinal manipulative therapy for low-back pain«, Willem JJ Assendelft, et al).

Für diese außerordentliche Weiterbildungsinvestition und besondere Behandlungsweise ist es adäquat, 60 – 100 Euro pro 60 Minuten Therapie in Rechnung zu stellen. Anderenfalls ist ein gesunder, wirtschaftlicher Betrieb einer Praxis nicht möglich!

Wenn eine Therapieform/Behandlungstechnik nicht durch Studien belegt ist, beweist dies keineswegs eine fehlende Wirkung der Maßnahme!

Nachweisbare Wirksamkeit der Therapiemethoden steckt in unsere Branche noch in den Kinderschuhen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Anwendungen nichts bringen. Forschung kostet Geld und hinter den Therapieberufen stehen keine großen Konzerne, die an unseren Behandlungen profitieren können (s. Pharmaindustrie). Evidenz basierte Therapie entsteht erst derzeit durch einzelne Bachelor- oder Masterarbeiten im Rahmen der Akademisierung der Therapieberufe.

Abschließend gilt es grundsätzlich zu sagen, dass Masseure und Physiotherapeuten politisch bessere Rahmenbedingungen brauchen, um zum Wohle der Patienten schneller ans Ziel zu kommen. Gesundheit ist gesellschaftlich sowie wirtschaftlich gesehen unser höchstes Gut, die Wertschöpfungskette in Gang zu halten. Um eine sinnvolle Behandlung durchführen zu können, muss das Zeitfenster einer Therapie Einheit von 20 auf 60 Minuten erweitert werden. Dadurch wird die Effizienz der Behandlung deutlich verbessert und das vereinbarte Ziel kann nach 6 statt nach 18 Mal erreicht werden.

Nicht nur im Hinblick auf den demografischen Wandel, vor allem aber zur schnelleren Genesung der Patienten sind die Therapieberufe äußerst wertvoll und überaus gesundheitsfördernd für den Menschen in den Bereichen Prävention, Kuration und Rehabilitation.

 

Nicole S. Frielitz
Bachelor of science der Therapiewissenschaften
Master of arts, Fachbereich adult education (i.A.)
Vorsitzende der IGBM
Schulleiterin der Philanthropos Berufsfachschulen
und überzeugte Physiotherapeutin!

Zurück

Philanthropos Berufsfachschulen für Physiotherapie und Massage
Verein für physiotherapeutische Ausbildungen Erlangen e.V. · Rathenaustraße 20 · 91052 Erlangen

Datenschutz · Impressum · Kontakt